LIPPE aktuell - Das Mitteilungs- und Anzeigenblatt für die Region Lippe

Sprung

Inhalt

» Kreis Lippe

Frische Luft und Toben, statt ...

Fri­sche Luft und To­ben, statt qual­vol­ler Enge Nach­ge­fragt: Die Ver­brau­cher wer­den acht­sa­mer bei der Wahl von Fleisch und Wurst­wa­ren und ach­ten auf die Her­kunft Kreis Lip­pe. Als Kai-Uwe aus dem Pulk der brau­nen Lei­ber in Rich­tung Tor schrei­tet, wei­chen die Be­ob­ach­ter ehr­furchts­voll ein Stück zurück - zwi­schen ih­nen und dem 1.000 Ki­lo­gramm schwe­ren Aber­deen-An­gus-Bul­len gibt es nur einen drei­rei­hi­gen Elek­tro­zaun. Da ist Ab­stand an­ge­sagt. Zu­min­dest für die zu­fäl­li­gen Be­su­cher. "Da­bei ist er ein ech­ter Kum­pel", meint Pe­ter-Eric Froböse la­chend, schlen­dert auf den Bul­len zu und strei­chelt ihn erst ein­mal aus­gie­big. Das ge­k­nud­delt Wer­den kennt der Bulle seit sei­ner Ge­burt auf dem Hof. In­zwi­schen ist er drei Jahre alt und freut sich in der Herde von fast 40 Kühen nebst Käl­bern sei­nes Le­bens. Ge­schlach­tet wird er nicht. Er ist ei­ner der Stamm­hal­ter der Zucht auf dem Hof Frobö­se. Hier fragt LIPPE AK­TU­ELL ein­mal ganz ge­zielt nach der Hal­tung und Füt­te­rung von Zucht- und Schlacht­tie­ren so­wie zum Thema Trans­pa­renz und Re­gio­na­lität. Fa­mi­lie Froböse hat sich vor Jah­ren für eine an­dere Art der Zucht, der Tier­hal­tung und auch der Schlach­tung ent­schie­den. Wir ge­hen hier den tra­di­tio­nel­len Weg, fernab von Mas­sen­tier­hal­tung, An­ti­bio­ti­kaein­satz und Großschlach­te­reien á la Tön­nies und Co. Die­sem Weg wol­len wir auf ei­nem zwei­stün­di­gen Rund­gang auf dem Hof und den Wei­den auf die Spur kom­men. Der erste Le­bens­ab­schnitt wird auf der Wei­de
­ver­bracht Wir star­ten an ei­ner der Wei­den im Leo­polds­höher Orts­teil Gres­te. Pe­ter-Eric Froböse bringt die täg­li­che Ra­tion Rü­ben­schnit­zel auf die Wei­de. Die Ka­mera ist im An­schlag, denn als er die Weide be­tritt, setzt sich die Herde so­fort in Be­we­gung. Ren­nen und Bock­sprünge ma­chen, das kön­nen Rin­der rich­tig gut – wenn man sie denn lässt. "­Die Käl­ber wer­den im Of­fen­stall ge­bo­ren und blei­ben dort mit ih­ren Müt­tern und den an­de­ren Käl­bern, bis auch das letzte Jung­tier ge­bo­ren ist. Erst dann kom­men sie alle zu­sam­men auf die Wei­de, wo sie fast ihr ge­sam­tes ers­tes Le­bens­jahr ver­brin­gen", er­klärt der Land­wirt. Angst, dass sie sich bei kal­ter und nas­ser Wit­te­rung erkäl­ten könn­ten, hat er nicht. "An­gus-Rin­der kom­men ur­sprüng­lich aus Schott­land und sind auf Ro­bust­heit ge­züch­tet. Außer bei schwie­ri­gen Ge­bur­ten und den vor­ge­schrie­be­nen Imp­fun­gen hat der Tier­arzt bei uns kaum et­was zu tun." Vor dem Wei­de­tor ist ü­b­ri­gens ein Auf­stel­ler mit Kar­ten. Die la­den zu­fäl­lig Vor­bei­kom­mende dazu ein, sich den Hof Froböse und die Tier­hal­tung dort ge­nauer an­zu­schau­en. Seit Jah­ren schon wol­len die Men­schen hier in Lippe ge­nauer wis­sen, wo­her das Fleisch kommt, das sie kau­fen", resü­miert Pe­ter-Eric Froböse die ver­gan­ge­nen Jah­re. Mit der Pan­de­mie habe sich das noch ver­stärkt. "Trans­pa­renz ist wich­tig", so der Land­wirt, "und Re­gio­na­lität." Tiere sind An­hän­ger­fahr­ten ge­wohnt Die Weide ist bald ab­ge­grast. Dann wer­den die Tiere mit dem An­hän­ger zur nächs­ten Weide ge­fah­ren. "Das stellt kaum Stress dar, wenn sie das Pro­ze­dere erst ein­mal ken­nen", ver­si­chert der Züch­ter. Und die­ses hin und her Trans­por­tie­ren hat noch einen wei­te­ren Vor­teil, wie er auf dem Weg zurück zum Hof er­läu­tert: "­Die Tiere sind es ge­wohnt, im An­hän­ger zu fah­ren. Wenn also ein Tier zum Schlach­ter kommt, ist die Fahrt im An­hän­ger nichts Un­ge­wöhn­li­ches. Zwi­schen dem Ab­la­den und dem Bol­zen­schuss ver­ge­hen ein bis höchs­tens zwei Mi­nu­ten; das ist also mit deut­lich we­ni­ger Stress ver­bun­den, als es sonst üb­lich ist." Noch bes­ser für die Tiere fände er die Wei­de­schlach­tung, aber die sei in NRW mit ho­hen Auf­la­gen ver­bun­den, wie er sagt. Der zweite Le­bens­ab­schnitt oder – eine un­ge­wöhn­li­che Stall­hal­tung Kurz dar­auf sind wir auf dem Weg zum Stall, der al­ler­dings auf den ers­ten Blick eher wie ein sta­bi­les, nach al­len Sei­ten of­fe­nes, Zelt aus­sieht; mit rie­si­gen Aus­maßen. In der Mitte be­fin­det sich eine Platt­form. "Von der kann ich in­ner­halb von zehn Mi­nu­ten je­des Rind ein­mal be­ob­ach­ten – auch die, die hin­ten lie­gen" er­klärt er die Mo­ti­va­tion hin­ter dem un­ge­wöhn­li­chen Bau­werk. "Das ist der Of­fen­stall, in dem sich die Jähr­lings­rin­der be­fin­den und in dem auch die Käl­ber zur Welt kom­men. Bei den Jähr­lin­gen sind etwa 10 bis 12 Tiere in ei­ner Grup­pe", er­läu­tert er wei­ter. "In dem Al­ter muss man männ­li­che und weib­li­che Tiere tren­nen. Und, die Bul­len ha­ben in dem Al­ter schon mal ihre fünf Mi­nu­ten in de­nen sie kämp­fen. Wenn da die Mas­sen in Be­we­gung kom­men, hält ein Wei­de­zaun die nicht auf. Des­halb ver­brin­gen die männ­li­chen Rin­der ihr zwei­tes Le­bens­jahr hier; im ein­ge­streu­ten Lauf­stall, mit sehr viel Be­we­gungs­frei­heit, mit Re­gen- und Wind­schutz und mas­sen­haft fri­scher Luft." Und die Füt­te­rung hier? "Al­les aus ei­ge­nem An­bau be­zie­hungs­wei­se. Ne­ben­pro­duk­ten aus den Markt­früch­ten Zuckerrübe und Raps", be­tont er. "­Die Rin­der wer­den nicht tur­bomäßig gemäs­tet." "Al­les ü­ber 18 Mo­nate wäre zu alt für die Großschlach­te­rei­en" "Natür­lich müs­sen wir auch Grün­land­dün­ger ein­set­zen, aber nur eine ver­tret­bare Dün­ge­men­ge", be­tont er. Schließ­lich sol­len die Tiere gu­tes Fut­ter be­kom­men und keine "Res­teram­pe", wie er es nennt. Wir schauen uns das Fut­ter an, das die Rin­der durch die brei­ten Gat­ter fres­sen kön­nen: eine Mi­schung aus Heu, Gras­si­la­ge, Mais­si­la­ge, Zuckerrü­ben­schnit­zel, Raps­schrot, Erb­sen und Mi­ne­ral­fut­ter. Al­les sel­ber an­ge­baut. "Das ist auch das ü­ber­ge­ord­nete Ziel, ü­ber­legt er kurz: "Wir wol­len al­les, was wächst, ver­nünf­tig ver­wer­ten. Un­sere Tiere ha­ben zwar viel auf den Rip­pen, aber un­sere Füt­te­rung ent­spricht nicht der üb­li­chen Mast. Sie neh­men lang­sa­mer zu und er­rei­chen ihr Schlacht­ge­wicht erst mit 24 Mo­na­ten, also deut­lich später, als in herkömm­li­chen Mast­be­trie­ben. Üb­lich sind etwa 18 Mo­nate bis zur Schlachtrei­fe. Die Fleisch­qua­lität wird durch da­bei ü­b­ri­gens bes­ser; es muss reif sein." Wir ge­hen in den Ho­fla­den, wo er ei­nige Pro­dukte zeigt. Auf je­dem der ein­ge­schweißten Wa­ren ist auf der vor­ge­schrie­be­nen Eti­ket­tie­rung die Ohr­mar­ken­num­mer des je­wei­li­gen Tie­res ver­merkt. So kann der Kunde je­der­zeit nach­voll­zie­hen, wo­her sein Fleisch kommt. Land­schafts­pfle­ger und Dün­ge­pro­du­zen­ten Es steht aus­rei­chend Fläche für den Fut­teran­bau, die Be­wei­dung und den Fruchtan­bau zur Ver­fü­gung. Der­zeit gehören 130 An­gus-Rin­der zur Her­de. Und das beste Dün­ge­mit­tel wird im ho­fei­ge­nen Of­fen­stall pro­du­ziert. "­Der an­fal­lende Mist ist Hu­musspei­cher von bes­ter Qua­lität und eben noch eine Schippe bes­ser, als bei­spiels­weise Gül­le", so Pe­ter-Eric Frobö­se. Da­von ab­ge­se­hen sei der Hu­mus ein gu­ter Was­ser­spei­cher. So würde der Bo­den bei Tro­cken­heit län­ger durch­hal­ten. Wenn Fa­mi­lie Froböse ih­ren An­satz mit dem von Bio­qua­lität und Mas­sen­tier­hal­tung ver­gleicht... "Un­sere Her­an­ge­hens­weise hat viel mit Ethik zu tun. Wir müs­sen wür­de­voll mit den Tie­ren um­ge­hen. Das wün­schen sich auch die Ver­brau­cher. Wir er­fül­len die Re­geln des Bio-Stan­dard, ohne aber das La­bel ha­ben zu wol­len. Wo­von wir uns weit ent­fernt ha­ben, sind Mas­sen­tier­hal­tung und Großschlach­te­rei­en. Hier wird um je­den Cent ge­feilscht, der Land­wirt steht am Ende der Ket­te. Und auch im­mer mehr Ver­brau­cher di­stan­zie­ren sich von ei­nem Kon­zept, dass das Tier­wohl in­frage stell­t." Ü­ber Tier­wohl brau­chen sich die hand­voll Schwä­bisch-Häl­li­schen Schweine auf dem Hof ü­b­ri­gens keine Ge­dan­ken zu ma­chen. Sie krat­zen sich an den Bürs­ten, die an der Stall­wand an­ge­bracht sind oder gra­ben draußen das Gelände hin­ter dem Stall um. Es sieht ganz so aus, als fühlen sie sich hier sau­wohl. (nr)

vom 08.08.2020 | Ausgabe-Nr. 32B

Seite drucken Drucken  | Seite versenden Versenden

« weitere Artikel

Keine Zeitung erhalten