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Was bleibt... Karl-Heinz Mense...

Was bleib­t... Karl-Heinz Mense ü­ber be­son­dere Mo­mente in ü­ber 40 Jah­ren Lauf­bahn Lem­go. Die "­Poe­sie­al­ben" von Karl-Heinz Mense sind ein klein we­nig un­ge­wöhn­lich. Das liegt zum einen dar­an, dass ihr For­mat den ge­wöhn­li­chen Poe­sie­al­bum-Rah­men spren­gen und sie – zu­ge­ge­be­ner­maßen - nicht wirk­lich sein Ei­gen sind. Aber – und das ist tatsäch­lich so – sind sie prall ge­füllt mit ei­ner ganz enorm großen Reihe von Er­in­ne­run­gen; Er­in­ne­run­gen an mehr als 40 Jahre in der Stadt­ver­wal­tung, da­von ü­ber 20 Jahre als Lei­ter des Vor­stands­sta­bes der Al­ten Han­se­stadt. Ge­füllt mit den un­ter­schied­lichs­ten Her­aus­for­de­run­gen; klei­nen, mitt­le­ren und größe­ren Ka­ta­stro­phen; nüch­ter­nem Ver­wal­tungs­kram und ganz per­sön­li­chen und berühren­den Be­geg­nun­gen. All diese Er­in­ne­run­gen ste­cken natür­lich nicht nur in den bei­den Gol­de­nen Büchern der Al­ten Han­se­stadt, aber beim Durch­blät­tern kommt die eine oder an­dere Er­in­ne­rung. Eine lange Zeit, die nicht un­ge­nannt blei­ben darf – be­son­ders nicht, wenn Karl-Heinz Mense sich zum 1. Mai in den Un­ru­he­stand ver­ab­schie­det. Viel­leicht ist es ja nur ein Zu­fall, dass be­reits die erste Sei­te, die Karl-Heinz Mense im Gol­de­nen Buch auf­schlägt, gleich eine der berührends­ten Be­geg­nun­gen für ihn be­deu­tet. Er lächelt, als er das Foto be­trach­tet. Es zeigt Lem­gos Eh­ren­bür­ge­rin Karla Ra­veh bei ih­rem letz­ten Be­such in Lem­go. "Ich hatte im­mer un­ge­heure Ach­tung vor ihr. Sie hat mich tief be­ein­druckt. Und dann kam die­ser Frei­tag­mit­tag, zwei Wo­chen nach ih­rem Ge­burts­tag, eine Wo­che nach dem Han­se­frühstück, wo ich Karla noch auf dem Markt­platz be­grüßen durf­te. Wir konn­ten sie te­le­fo­nisch nicht er­rei­chen und sind zu ihr ge­gan­gen. Wir konn­ten nur schnell rea­gie­ren; Not­ruf, Not­arzt­wa­gen, Kli­ni­kum. In der Nacht ist sie dann lei­der ver­stor­ben." Er stockt. Den Kin­dern die Nach­richt ü­ber­mit­teln, der Ge­denk­got­tes­dienst in Lemgo – man merkt es ihm an, das war­der Mo­ment mit den meis­ten Emo­tio­nen in ei­ner lan­gen be­ruf­li­chen Kar­rie­re. Wir wech­seln das The­ma... Es pas­siert viel in Lem­go. Im Vor­stands­stab ist man in so ziem­lich al­les in­vol­viert. "Ja, aber natür­lich nicht ich al­lei­ne", un­ter­bricht er die Ü­ber­le­gun­gen. "Wir ar­bei­ten hier im Team – und das ist ein­fach nur große Klas­se." Er zählt die Kol­le­gen alle auf. "­Sie leis­ten großar­tige Ar­beit und egal, was auch an Schwie­rig­kei­ten auf­taucht, es fügt sich am En­de." Ob er von den ver­wal­tungs­tech­ni­schen und po­li­ti­schen, sa­gen wir mal, Miss­s­tim­mun­gen, spricht? "­Mit Mar­kus Baier ha­ben wir einen en­ga­gier­ten und höchst kom­pe­tenten neuen Bür­ger­meis­ter; einen, der an­packt. Der neue Rat steht und in­zwi­schen konn­ten wir auch den Pos­ten des Käm­me­rers wie­der mit Le­ben fül­len. Läuft." Aber wenn ein Karl-Heinz Mense in den (Un)Ru­he­stand geht, wer ü­ber­nimmt seine Auf­ga­ben­be­rei­che und – wel­che wa­ren das noch gleich? "Das Rats­in­for­ma­ti­ons­sys­tem füt­tern, Aus­schuss- und Rats­sit­zun­gen or­ga­ni­sie­ren und be­glei­ten, al­les rund um ver­schie­dene Stadt­feste mit­or­ga­ni­sie­ren, der Sport in Lem­go, Re­prä­sen­ta­ti­ves, Städ­te­part­ner­schaf­ten, Eh­ren­amt, Eu­ro­pa... ja, und natür­lich al­les rund um die Han­se. Aber auch hier gilt: nie war ich hier ohne mein star­kes Team un­ter­wegs. Und das bleibt ja schließ­lich. Und ü­b­ri­gens tut ein biss­chen fri­scher Wind ei­ner Ver­wal­tung ganz gut. Ein gu­tes Bei­spiel ist si­cher­lich mo­men­tan die Lem­goer Ak­tion, Se­nio­ren da­bei zu un­ter­stüt­zen, Impf­ter­mine zu be­kom­men. Das läuft doch ganz gut und der Zu­spruch ist er­freu­lich." Aber noch ein­mal zurück zum Auf­ga­ben­ge­biet... da gibt es doch noch die Mit­ar­beit im Stab für außer­ge­wöhn­li­che Er­eig­nis­se... Fort­set­zung auf Seite 9! "Ja, der gehört un­wei­ger­lich da­zu", erzählt er und schmun­zelt. "Da kom­men wie­der Er­in­ne­run­gen zu­ta­ge. Hoch­was­ser, Stür­me, Flücht­lin­ge, jetzt Co­ro­na... Ich weiß noch, als ich an­ge­fan­gen ha­be. Da hieß es von Sei­ten der Feu­er­wehr: "­Mach dir mal keine Sor­gen, Hoch­was­ser? Das kommt ein Mal in 10 Jah­ren vor­." Das hat dann nicht so ganz ge­passt. Oder der Mo­ment, als un­ser Feu­er­wehr­chef an­rief und sagte "­Komm rü­ber". Sollte heißen "­Gas­alarm im Be­rufs­kol­leg". Da ein klei­ner Kreis wuss­te, dass es ei­gent­lich ei­nige Mo­nate später eine Si­mu­la­tion ei­nes Ter­ror­an­grif­fes oben an der Phoe­nix Con­tact Arena ge­ben soll­te, habe ich die Mel­dung erst ein­mal geis­tig schon un­ter wei­tere Ü­bung ab­ge­spei­chert. 15 Mi­nu­ten später vor Ort wurde aber schnell klar, dass dem ganz und gar nicht so war. 3.000 Schü­ler wur­den von der Schul­lei­tung aus dem Ge­bäude ge­schickt, das ganze Großauf­ge­bot an Ein­satz­kräf­ten war vor Ort. Zum Glück hat sich das als dum­mer Streich her­aus­ge­stellt, bei dem al­ler­dings ei­nige Be­trof­fene vor­ü­ber­ge­hend ins Kran­ken­haus ein­ge­wie­sen wer­den muss­ten." Da stellt man sich Ver­wal­tung im­mer wie einen lan­gen, ru­hi­gen Fluss vor und merkt erst im Laufe der Zeit, was hier an­ge­stoßen, ab­ge­ar­bei­tet, vor­be­rei­tet und um­ge­setzt wird... Karl-Heinz Mense muss la­chen. "Ja, die klei­nen und größe­ren Ka­ta­stro­phen gehören ge­nauso da­zu, wie die all­seits be­lieb­ten Groß­ver­an­stal­tun­gen in der Al­ten Han­se­stadt. 2015 war al­les auf den Han­se­tag und das Stadt­ju­biläum aus­ge­rich­tet. Meine Leute und das Team von Lemgo-Mar­ke­ting ha­ben sich die Beine aus­ge­ris­sen. Es war ein­fach nur großar­tig. Nicht nur die Fei­er­lich­kei­ten, son­dern eben auch die­ses tolle Team. Dass, was da nicht läuft, ist höchs­tens noch "Kil­le­fit". Aber, was soll ich sa­gen – manch­mal passt ein­fach al­les. Wir hat­ten bes­tes Wet­ter, Sonne satt, zehn­tau­sende zu­frie­dene Be­su­cher und erst mit den Schluss­wor­ten zum ab­sch­ließen­den Got­tes­dienst auf dem Markt­platz, setzte der Re­gen ein." Eine schöne Er­in­ne­rung... "Ja, viel­leicht so­gar ganz be­son­ders schön, aber "in der zwei­ten Jah­res­hälfte for­derte uns alle die Flücht­lings­si­tua­tion." Er ü­ber­legt einen Au­gen­blick und sucht nach den rich­ti­gen Wor­ten: "Es war nicht im­mer leicht, auch, weil es et­li­che ne­ga­tive Aus­wir­kun­gen gab. Es gab eine Reihe von Men­schen, die sich recht deut­lich von den Bemühun­gen, diese Men­schen auf­zu­neh­men, di­stan­ziert hat­ten. Auf ein paar Re­ak­tio­nen hät­ten wir da­mals sehr gut ver­zich­ten kön­nen." Dann lächelt er ganz breit und sagt: "A­ber, was soll ich sa­gen – ei­nige von de­nen, die vor­her so ve­he­ment Con­tra ge­ge­ben ha­ben, sind die ge­wor­den, die sich später von "ih­ren" Flücht­lin­gen spra­chen und sich für sie ein­ge­setzt ha­ben. Und das ist eben so, weil uns das doch alle tief be­wegt hat; weil die Men­schen sich hier mit ih­rer Stadt iden­ti­fi­zie­ren." Was wird je­mand, der nicht still­sit­zen kann und fast ü­ber­all in der Stadt mit­mischt, be­son­ders ver­mis­sen, wenn er sich dann hof­fent­lich end­lich nur noch auf die schö­nen Dinge des Le­bens kon­zen­trie­ren kann? Ei­gent­lich eine et­was fiese Fra­ge, wenn man weiß, dass er seine Ar­beit, die so un­glaub­lich viel­fäl­tig ist, so sehr liebt. "­Ver­mis­sen werde ich si­cher­lich das Team – auch die herr­li­chen Streit­ge­spräche, da man ja schließ­lich nicht im­mer ei­ner Mei­nung sein kann. Die Ar­beit hat mich schon sehr ge­prägt und mir viele Türen geöff­net." Er denkt da­bei vor al­lem an die Be­geg­nung mit Men­schen. "In mei­nem Job lernt man un­wei­ger­lich im­mer neue Leute ken­nen. Das ist viel­leicht das beste dar­an. Aber auch da musste ich hin­ein­wach­sen.. Ich weiß noch, als 1980 die Queen zu Be­such nach Lemgo kam und auch eine mi­litäri­sche Ü­bung der eng­li­schen Streit­kräfte am Weißen Weg be­su­chen soll­te. Da sollte schwe­res mi­litäri­sches Gerät ü­ber eine Fläche rol­len, in der eine große Gas­lei­tung lag, von der man von Mi­litär­seite of­fen­sicht­lich nichts wuss­te. Plötz­lich musste ich als jun­ger In­spek­tor in der Ka­serne den rich­ti­gen An­sprech­part­ner fin­den, was da­mals nicht leicht war; und letzt­lich wurde die Ü­bungs­fläche ver­scho­ben. Das ich später mal sel­ber Pro­to­koll­chef für der­ar­tige Emp­fänge wür­de, hätte ich mir nicht träu­men las­sen". Was wünscht sich Karl-Heinz Mense wohl für seine Stadt? Da muss er nicht ü­ber­le­gen. "Wir le­ben ge­rade in ei­ner schwie­ri­gen Zeit. Ich hof­fe, nein, ich wün­sche mir, dass die Ge­mein­schaft in der Stadt wie­der so wird, wie zu­vor. Und, wenn ich noch einen Blick ins Rat­haus wer­fen darf, bei al­len Sa­chen, die hier um­ge­setzt wor­den sind, war es im­mer wich­tig, dass wir ein Team wa­ren. Und, wir müs­sen Ver­trauen in die jun­gen Men­schen set­zen. Meine Azu­bis ha­ben mich fast nie ent­täuscht. Viele sind hier in der Ver­wal­tung ge­blie­ben und leis­ten wirk­lich her­vor­ra­gende Ar­beit. Das muss so blei­ben." Es war ein schö­nes und lan­ges In­ter­view, für das wir von LIPPE AK­TU­ELL Karl-Heinz Mense ganz herz­lich Danke sa­gen möch­ten. Wir wün­schen ihm al­les er­denk­lich gute für die schöne und viel­leicht ent­spannte Zeit, die vor ihm liegt. Wo­bei – Städ­te­part­ner­schaf­ten, Hanse-Gilde und sein Ste­cken­pferd "Schwe­den", dürf­ten ihm kaum Raum ge­ben, um ent­spannt die Füße hoch­zu­le­gen. Aber ru­hig sit­zen? Das will er oh­ne­hin nicht. (nr)

vom 27.03.2021 | Ausgabe-Nr. 12B

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