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Gemüse auf dem Vormarsch Lüg...

Immer mehr Fleischesser satteln auf Gemüse um. Foto: Lindner

Im­mer mehr Flei­sches­ser sat­teln auf Gemüse um. Fo­to: Lind­ner

Gemüse auf dem Vor­marsch Lüg­de. Sie kommt eher ge­schli­chen als ge­pol­tert, die Ver­än­de­rung im Kauf­ver­hal­ten der Men­schen. Zwar steht im­mer noch Mr. Bil­lig auf dem Sie­ger­trepp­chen, doch rü­cken mehr und mehr an­dere Kri­te­rien in den Fo­kus des Ver­brau­chers – ein Kri­te­rium ist die Fri­sche, ein an­de­res das Gemüse - macht zu­sam­men "­Fri­sches Gemü­se". Viel­sei­tig, wie Gemüse so ist, kann vom Frühstück bis zum nächt­li­chen Cock­tail so ziehm­lich al­les da­mit be­strit­ten wer­den. Wo­her aber nun am bes­ten das fri­sche Gemüse 
­neh­men? In Plas­tik ein­ge­schweißt und lange Rei­sen hin­ter sich ge­bracht, sieht das Su­per­markt-Gemüse noch er­staun­lich gut aus, dafür sind al­ler­dings in der Re­gel Kon­ser­vie­rungs- und an­dere Zu­satz­stoffe ver­ant­wort­lich. Pes­ti­zide sor­gen zum Bei­spiel beim Ge­treide dafür, daß es be­reits bis zu 90 Pro­zent sei­nes Vit­amin E-Ge­hal­tes ver­liert, be­vor es ü­ber­haupt ge­ern­tet wird. Also Fehl­an­zeige für echte Fri­sche. Dann doch lie­ber re­gio­nal? Das al­lein ist aber kein Ga­rant, denn in Mo­no­kul­tu­ren an­ge­baut und auf Masse pro­du­ziert, bleibt das Be­han­deln mit che­mi­schen Spritz­mit­teln auch in der Re­gion nicht aus. Im Er­geb­nis ist das Gemüse be­deu­tend vit­amin- und mi­ne­ral­stoffär­mer. Wer auf Num­mer si­cher ge­hen möch­te, der wird bei ei­nem Ver­ein der so­ge­nann­ten "­So­li­da­ri­schen Land­wirt­schaft" fün­dig, denn dort ist das Gemüse che­misch un­be­han­delt und in luf­ti­gen, nähr­stoff­rei­chen Bö­den zu­hau­se. Dem Gemü­se, das später in der ei­ge­nen Küche lan­det, kann quasi beim Wach­sen und Ge­dei­hen zu­ge­schaut wer­den, denn auf Trans­pa­renz wird großen Wert ge­legt. Der Preis dafür ist zum einen der Jah­res­bei­trag und natür­lich das Ri­si­ko, daß es even­tu­ell Miss­ern­ten ge­ben kann, was ge­mein­schaft­lich ge­tra­gen wird. Auf der Ot­ten­stei­ner Hoch­ebene in Baar­sen be­trei­ben Jens Dreyer und Tine Schä­fer eine Ge­mein­schafts­ge­tra­gene Land­wirt­schaft und Markt­gärt­ne­rei. Vor drei Mo­na­ten ha­ben sie zum ers­ten Mal Gemüse an ihre Mit­glie­der ver­teilt. Am Mor­gen des Ab­hol­ta­ges, das ist je­den Frei­tag, wird ge­ern­tet – fri­scher geht’s nun wirk­lich nicht. Es gibt Gemüse al­ler Art, natür­lich sai­sonal; so kann auch das ver­blaßte Wis­sen ü­ber Ern­te­zei­ten wie­der auf­ge­frischt wer­den, und Dank der an­ge­bo­te­nen Mit­mach-Tage wird je­dem In­ter­es­sier­ten Wis­sens­wer­tes ü­ber den An­bau und die Pflege der grü­nen Schütz­linge ver­ra­ten. Wann muß was wo wach­sen, was braucht viel Sonne oder was den Schutz vor Re­gen, wie kön­nen die Kul­tu­ren vor Schäd­lin­gen ge­schützt wer­den? Letz­te­res wird in Baar­sen mit In­sek­ten­schutz­net­zen und Vlies be­werk­stel­ligt. Der Gemü­se­an­bau funk­tio­niert nach der so­ge­nann­ten "no dig"-Me­tho­de. Heißt, es wird nicht um­ge­gra­ben, son­dern statt des­sen auf dem vor­han­de­nen Bo­den Fo­lie aus­ge­legt, eine circa 15 Zen­ti­me­ter di­cke Kom­post­schicht auf­ge­tra­gen und die wird dann be­pflanzt. Auf 1600 Qua­drat­me­tern wach­sen vom Brok­koli bis zur Zuc­chini ins­ge­samt 26 Gemü­se­sor­ten, dazu kommt noch ein gu­tes hal­bes Dut­zend Kräu­ter. Kar­tof­feln und even­tu­ell Ge­treide kom­men ab Au­gust be­zie­hungs­weise Sep­tem­ber dazu – bei­des ge­deiht auf ei­nem ein Hektar großen Acker. Wer nicht zu je­der Jah­res­zeit al­les ha­ben möch­te, ist dort gut auf­ge­ho­ben. Al­ler­dings fehlt das Bio-Sie­gel, auf das Jens Dreyer be­wußt ver­zich­tet. "­Die Zer­ti­fi­zie­rung macht die Le­bens­mit­tel nicht le­cke­rer, kos­tet aber viel Zeit und Geld. Das in­ves­tie­ren wir lie­ber di­rekt in den Gar­ten und seine pflanz­li­chen Be­woh­ner", er­klärt der ehe­ma­lige Pro­dukt­ma­na­ger. Ge­rade zu Be­ginn ist der Pla­nungs­auf­wand groß, ebenso das Ri­siko zu viel oder zu we­nig an­ge­pflanzt zu ha­ben. Die statt­li­che An­zahl von 34 Ern­te­kis­ten muß jede Wo­che ge­füllt wer­den. Aber das scheint gut zu klap­pen und es gibt so­gar eine Tausch­kis­te, falls ei­nem Mit­glied mal eine Gemü­se­sorte nicht so mun­det. Das In­ter­esse am Gemüse vom Hof Dreyer ist so groß, daß schon eine War­te­liste ent­stan­den ist. Der Wunsch, na­tur­be­las­sene Le­bens­mit­tel frisch und plas­tik­frei zu kau­fen wächst ebenso wie das Be­wußt­sein dafür, daß mit dem Ess­ver­hal­ten et­was be­wirkt wer­den kann. Auch wenn es schon Jahr­hun­derte vor Chris­tus Ve­ge­ta­rier gab – Py­tha­go­ras ist ein be­kann­tes Bei­spiel - so ist doch heut­zu­ta­ge, wo laut Un­i­cef mehr als 7000 Kin­der un­ter fünf Jah­ren täg­lich an Hun­ger und Man­ge­lernährung ster­ben, bei der Ernährungs­wahl auch so­ziale Ver­ant­wor­tung mit im Spiel. Was hätte al­lein Eu­ropa für Mas­sen an Le­bens­mit­teln, wenn die 60 Pro­zent Acker­fläche, auf der Tier­fut­ter an­ge­baut wird, nicht mehr für land­wirt­schaft­li­che Tier­hal­tung ge­nutzt wür­de. (ml)

vom 26.06.2021 | Ausgabe-Nr. 25B

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